Urs Imboden: "Vielleicht versteht nur ein Sportler meinen Nationenwechsel:

 Urs Imboden (31) kann aufatmen. Dank einem neuen moldawischen Pass kann er seinen Beruf als Skirennfahrer weiter ausüben. Entscheidend war das Urteil der FIS, die nicht nur den Nationenwechsel von der Schweiz zu Moldawien guthiess, sondern auch bewilligte, dass Urs seine FIS-Punkte behalten kann. Wäre dies nicht der Fall, müsste der Bündner in allen Rennen mit den hintersten Startnummern neu anfangen.


Herzliche Gratulation zur Startberechtigung für Moldawien, welche nun auch von der FIS gutgeheissen worden ist.
Vielen Dank! Wir waren zwar immer optimistisch, aber glauben wollte ich es erst, wenn es definitiv ist.

Den moldawischen Pass hast Du ja schon etwas länger. Wie kommt man als eingefleischter Schweizer zu diesem zusätzlichen Pass?
Selber musste ich, was die Bürokratie angeht, gar nicht viel tun. Um all die Abklärungen und Papiere hat sich Hans Daniel Fahrner gekümmert. Er war es auch, der im letzten Frühjahr überhaupt die Idee eines Nationenwechsels hatte. Zu einer Zeit, als ich schweren Herzens die Fortsetzung meiner Skikarriere bereits abgeschrieben hatte, kam er auf mich zu, ermutigte mich, weiter zu fahren und zeigte mir diese Möglichkeit auf.

Also keine langwierigen Einbürgerungstests und Fragebögen über Land und Kultur, wie beim Einbürgerungsverfahren in der Schweiz?
Nein, nichts dergleichen. Wir sind aber im Sommer für vier Tage nach Moldawien geflogen und haben dabei die Ämter besucht, alles Schriftliche erledigt.

Hast Du dabei auch die wichtigen Aufnahme-Gespräche mit dem Moldawischen Skiverband geführt?
Nein, zum Moldawischen Skiverband hatten wir keinen Kontakt. Das Sportliche ist alles über den Moldawischen Olympischen Verband, bzw. den Olympischen Präsidenten gelaufen, den Hans Daniel Faden kennt.

Du bildest mit Christophe Roux, dem Sohn des ehemaligen Abfahrers Philippe Roux aus Verbier und Sascha Gritsch aus dem Südtirol dieses neue moldawische Team. Werdet ihr nun auch finanziell vom Moldawischen Olympischen Verband oder vom Moldawischen Skiverband unterstützt?
Nein, wir wissen selber, dass Moldawien als Land nicht reich ist und die Verbände keine grossen Budgets haben. Das war auch nie unsere Bedingung. Aber in der Zwischenzeit haben wir mit EnPro einen Mannschafts-Sponsor gefunden. EnPro ist eine norwegische Firma, welche Technologien zur Feinpartikelfilterung sowie Meerwasserentsalzung entwickelt. Diese Verbindung kam unter anderem durch Christophe Roux zustande.

Der Entscheid von der FIS kam enorm spät. Deine Konkurrenz hat bereits das erste Weltcup-Rennen hinter sich. Du hast gleich viele Trainingsstunden eingesetzt, ohne jegliches Wissen, ob Du in der Saison 2006/07 überhaupt ein Weltcup-Rennen fahren darfst. Kann man sich den ganzen Sommer und Herbst lang für ein professionelles, hartes Training motivieren, wenn völlig in der Schwebe steht, ob man im Winter überhaupt Rennen bestreiten darf?
Wie gesagt, waren wir schon sehr, sehr positiv darauf eingestellt, dass der Nationenwechsel bewilligt wird. Egal was kommt, es galt den vollen Aufwand zu betreiben, damit wir jetzt zum Saisonstart auch bereit sind. Das heisst, dass wir uns ungeachtet einem Entscheid seit dem Frühling hundertprozentig vorbereiten mussten. Das haben wir durchgezogen.

Hattest Du bereits einen Plan "B" für den Fall, dass Dir die Startberechtigung für Moldawien verwehrt geblieben wäre?
Da ich mich in meiner Karriere bereits ein-, zweimal mit einem Rücktritt beschäftigen musste, habe ich natürlich schon meine Vorstellungen, was ich nach dem Skirennsport anpacken könnte. Aber eigentlich habe ich den ganzen Sommer über nicht an das gedacht. Auch hier gilt für mich halt, solange ich dieses Ziel habe, verfolge ich es zu hundert Prozent. Mit dem Danach kann ich mich befassen, wenn es soweit ist.

Wie sieht Deine Zielsetzung für diesen Winter genau aus. Was liegt drin für Urs Imboden?
Was meine Disziplin, den Slalom angeht, so muss ich zu allererst meine Startposition verbessern. Das geht über gute Europacup-Rennen. Mein Ziel ist aber der Weltcup, sprich, mich für den zweiten Lauf zu qualifizieren, denn dann ist für ein gutes Endresultat alles möglich. Auch für den Riesenslalom will ich über den Europacup meine Punkte verbessern und eine bessere Ausgangslage schaffen.

Hat sich neben den Landesfarben auch der Athlet Urs Imboden verändert? Gehst Du mit einem neuen Rezept an den Start, um den anderen die Suppe zu versalzen?
Die Stimmung in unserem Team ist gut. Und dass ich jetzt eine eigene Saison- und Rennplanung machen kann, ist ein grosses Plus. Ich war immer schon extrem diszipliniert, was meinen Job und das Training angeht. Viele haben gemeint, fast schon zu verbissen. Jetzt habe ich eine andere Ausgangslage und weniger inneren Stress und ich merke, dass ich übers Gesamte lockerer bin, als in den letzten Jahren. Davon erhoffe ich mir viel.

Und dann hast Du jetzt schon im Sack, was sonst noch kein Schweizer Alpiner hat - das Ticket an die WM in Are. Oder hat der Moldawische Skiverband für die WM Selektionskriterien aufgestellt, die Du und Deine Mannschaftskollegen zuerst erfüllen müssen?
Ich weiss es nicht... Danach habe ich mich noch gar nicht erkundigt, denke aber schon, dass wir alle in Are starten können.

Wie sieht Dein Trainerteam aus? Wer hat Dich im Sommer betreut und wer wird Dich und Deine Teamkollegen an die Rennen begleiten?
Für das Skitraining habe ich mich, wie schon oft zuvor, wenn es weniger gut lief, an meinen ehemaligen Jugendcoach Emil Hofer gewandt. Emil Hofer leitet die Skischule Sulden und ist so im Sommer immer auf dem Gletscher auf dem Stilfserjoch. Als Chef-Trainer kann man aber Hans Daniel Fahrner bezeichnen. Er kümmert sich auch hier um die Organisation. Im Winter werden sich die beiden abwechseln.

Du hast zwar im Sommer auf dem Stilfserjoch immer zusammen mit Christophe Roux und Sascha Gritsch trainiert, aber das sind ja für Dich nicht echte Gradmesser. Vorallem nicht im Slalom. Konntest Du Dich auf dem Gletscher auch mit anderen Teams messen?
Zum Teil haben wir gemeinsam mit Kilian Albrecht trainiert, der sich ja ebenfalls um einen Nationenwechsel bemüht. Oder mit italienischen Sportgruppen, z.B. der Finanzia, in der italienische Fahrer mittrainieren, welche von einer Verletzung zurückkommen.

Kümmert sich auch jemand um Deine Ski, sprich, hast Du einen Serviceman von Fischer zur Seite?
Nein, die Skis präpariere ich selber. Das habe ich auch die letzten drei Jahre schon gemacht. Ich bin aber überaus dankbar, dass ich in Sachen Material die totale Unterstützung von Fischer habe. Sigi Voglreiter von Fischer International war sofort bereit, mich mit Ski, Skischuhen sowie Bindung auszurüsten, als ich ihn anfragte. Das ist nicht selbstverständlich.

Was ist das für ein Gefühl, einen moldawischen Pass mit dem eigenen Namen in der Hand zu halten und ab nun unter einer anderen Flagge zu starten?
Das mit dem Pass war schon ein komisches Gefühl. Und es gibt auch Leute, die mich fragen, ob ich denn kein schlechtes Gewissen habe, einfach so für eine andere Nation zu fahren. Aber das ist ja der Haken im Skisport. Wenn ein Fussballer wegen Leistungseinbruch von einem Verein nicht mehr eingesetzt wird, kann er gut den Klub und das Land wechseln und seinen Sport weiter ausführen. Für einen Skifahrer bedeutet das Selbe aber meist ein abruptes Karrierenende. Dank diesem Schritt kann ich meinen Beruf weiter ausüben. Vielleicht verstehen diesen Beweggrund nur Sportler wirklich.

Welches wird Dein erstes Ski-Rennen für Moldawien sein? Wie sieht Deine Planung aus?
Wir fliegen am Mittwoch, 22. November nach Finnland zu den ersten zwei Europacup-Slaloms in Salla, die am 25./26. November stattfinden. Und dort oben besprechen wir, ob ein Einsatz bei den nächsten WC-Rennen in Amerika Sinn macht, ob ich danach überhaupt nach Übersee fliege.